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Wie sinnvoll sind Gesundheits-Apps?

Puls, gegangene Schritte, Schlafverhalten: Solche Daten lassen sich auf Smartphone und Fitnessarmband erfassen. Wir erklären, worauf Sie bei der Nutzung von Apps achten sollten
von Franziska Draeger, aktualisiert am 24.09.2016

Mobiles Messgerät: Beim Joggen Daten wie Schrittzahl und Puls erfassen

Getty Images/Guido Mieth

Die New Yorkerin Ivonne Trinidad war etwas verunsichert, als ihr Fitnessarmband zwei ­Tage lang einen Ruhepuls von 110 Schlägen anzeigte. Woher kam dieser ungewöhnlich hohe Wert? Ihr Ehemann David dachte schon, das Gerät sei defekt – und suchte Rat in einem Online-Forum. Eine Nutzerin fragte direkt: "War sie in den letzten Tagen gestresst, oder kann es sein, dass sie schwanger ist?" Einen Schwangerschaftstest später wussten die Trinidads, dass sie ein Kind erwarten. Zwar ist ein solcher Puls kein Standardhinweis für eine Schwangerschaft, er brachte das Paar jedoch auf die richtige Fährte.

Manche gruselt es bei dem Gedanken, dass ein ­Gerät an ihrem Arm so tief greifende Veränderungen erspüren kann. Digitale Geräte messen mittlerweile alles Mögliche: Atemfrequenz, Schlafqualität, Schrittzahl. Jetzt kommt gar ein Programm, das Emotionen erkennt und dem Nutzer meldet, wie er heute gelaunt ist. Ein großer Fortschritt – den Entwicklern zufolge.

Verlieren wir das Gefühl für unseren Körper?

Man könnte aber auch meinen, dass heutzutage viele desorientierte Wesen herumlaufen, die jedes Gefühl für den eigenen Körper verloren haben. Die lieber auf ihr Smartphone vertrauen als auf ihren Durst oder Bewegungsdrang. Smombies, wie ein Kunstwort sagt, eine Art Zombies, die nur auf ihr Smartphone starren. Was sagen einem schon 40 Minuten Fettverbrennung, 4290 Schritte oder ein Puls von 72 Schlägen pro Minute? Zahlen sind doch viel zu einseitig, um so etwas Großes wie Gesundheit zu erfassen.

"Ich glaube nicht, dass Apps unser Körpergefühl kaputt machen", sagt Florian Schumacher. Der IT-Berater aus München ist einer von denen, die messen, was messbar ist. Nach und nach näherte er sich jedem Lebensbereich über Zahlen an: seinem Schlaf, seiner Ernährung und Bewegung, seinem ­Tagesablauf. So weiß er inzwischen, dass er circa 23 Prozent seiner Zeit schläft und neun Prozent seiner Freundin widmet. Wenn er Sport treibt, dann ­immer datengestützt. "Die Fitnessdaten unterfüttern mein eigenes Gefühl aber eher, ich gewinne Anhaltspunkte. Und ich sehe, wie ich zu meinem optimalen Selbst werden kann."

"Viele zweifelhafte Apps auf dem Markt"

Gerrit Fröhlich, der an der Universität Trier die Nutzung von Gesundheits-Apps erforscht, hat ein geteiltes Bild von diesem sogenannten Self-Tracking, der "Selbstvermessung". "Einerseits gibt es viele zweifelhafte Apps auf dem Markt und sicher ein paar Menschen, die sich daran zu stark orientieren." Etwa Ernährungs-Apps, die von einem medizinisch nicht begründeten Kalorien-Optimum pro Tag ausgehen. "Andererseits sind viele Selbstvermesser sehr kritisch. Sie sehen sich zum Teil eher als Forscher mit einer Studiengruppe, die aus einem Menschen besteht: ihnen selbst. Sie hinterfragen gültige medi­­zinische Werte und ob sie für sie und ihren Körper passen." 

Apps können mehr schaden als nutzen

Die einen sammeln auf Apps Punkte für Bewegung, chronisch Kranke managen ihre Gesundheit – Vorsorge-Apps sollen auch Spaß machen. Doch ihre Qualität schwankt stark. So liegen Apps, die aus Symptomen eine Diagnose ableiten, nur in einem Drittel der Fälle richtig, wie eine Studie im British Medical Journal zeigte. Apps, die etwa Melanome erkennen sollen, schneiden noch schlechter ab. Sie könnten Menschen zu lange in Sicherheit wiegen.

Diagnose-Apps könnten aber auch Hypochondrie-Tendenzen bei Menschen fördern, da sie oft vorsichtshalber den schlimmsten Fall skizzieren, etwa bei Kopfweh einen Hirntumor statt Wassermangel.

Fürs Therapie-Management hingegen gibt es einige nützliche Apps, die etwa eine Tabletten-Erinnerung senden oder vor Wechselwirkungen warnen. Das Angebot wird nicht reguliert, derzeit gibt es kaum Anhaltspunkte für Benutzer. Bei Fitness- oder Abnehm-Apps kann man sich danach richten, was einem guttut. Noch ist kein Nutzen von Fitness-Apps wissenschaftlich gut belegt, aber auch kein Schaden. Im schlimmsten Fall sind sie ein mobiles schlechtes Gewissen.


Selbst zum Gesundheitsexperten werden

Manche sehen in den Apps gar eine Revolution. Patienten könnten sich mit ihnen unabhängiger vom Arzt machen, zum eigenen Gesundheitsexperten werden. Eine Revolution sieht Dr. Ralph Bosch vom Cardio-Centrum Ludwigsburg-Bietigheim nicht. "Denn Selbstvermessung ist nicht abhängig von Techno­­logie. Auch früher schon maßen Menschen Puls oder Blutdruck, führten Tagebücher, zeichneten Kurven auf Butterbrotpapier und brachten es in die Sprechstunde mit."

Während Kritiker etwa vor einer Welle der Hypochondrie warnen, befeuert durch fehlerhafte – oder einfach zu viele – Daten, sieht er das nicht so. "Klar kommen manche Patienten, die verunsichert sind durch komische Werte – und am Ende hat nur das Gerät falsch gemessen. Aber das gab es früher auch." Für die Vorbeugung überzeugen die kleinen Programme den Kardiologen. "Bei vielen Menschen steigern die Apps tatsächlich die Bewegungsmotivation." Gerade Herzpatienten sollten natürlich darauf achten, gute Apps zu nutzen, die ein Arzt empfiehlt.

Wichtige Werte nur mit seriöser App erfassen

Für die Vorsorge ein nettes Extra, für das Krankheitsmanagement aber ein Muss: genaue Werte. Wer mit riskantem Bluthochdruck, Dia­betes oder Asthma lebt, misst am besten regelmäßig Blutdruck, Zuckerspiegel oder Atemfluss. Nach einer ausführlichen Erklärung ­können Patienten, die Gerinnungshemmer einnehmen, sogar die Blutgerinnung selbst messen. Die entsprechenden Werte kann man in ein Tagebuch übertragen, oder, wenn man mag, in eine App.

Bevor man eine App aber mit zu vielen Informationen füttert, sollte man prüfen: Worauf ­basieren die Angaben in der App – auf Aussagen beratender Ärzte oder Fachliteratur? In der großen Masse von Apps finden sich mittlerweile zunehmend mehr, die an ­Kliniken, von Fach­­gesellschaften oder anderen Anbietern mit Fachwissen und Erfahrung ent­­wickelt wurden. Gerade bei Apps, die nicht nur auf die all­gemeine Vorsorge abzielen, sondern bei bestimmten Vorerkrankungen Rat geben, sind diese Qualitäten unverzichtbar.


Am Ende profitiert wohl auch die Wissenschaft von all den Daten, die Millionen Menschen weltweit täglich im Alltag erheben. Alles also ganz normal? Manch einer lebt einfach gern nach Zahlen? Etwas Befremden bleibt doch – etwa wenn man entdeckt, dass ein Nutzer eines Fitness-Armbands seine Herzrate bei der Trennung vom Partner auf Twitter präsentiert (siehe unten), ­eine Nutzerin auf einer Website gar ­ihre Herzkurve beim Sex. "Das wirkt nicht nur auf den Außenstehenden komisch, das ist auch so gemeint. Die Szene hat sehr viel Selbstironie", so der Soziologe Gerrit Fröhlich.

Trennung: Koby Soto aus Israel twitterte, wie sie auf sein Herz gewirkt hat

/@iamkoby/Twitter

Datenschutz der Apps oft mangelhaft

Die zweite Frage: Auf welche Funk­tionen greift die App zu? Ist es zum Beispiel plausibel, dass sie die Kamera braucht? Und was darf der Anbieter mit den gewonnenen Daten tun? Klar ist es mühsam, sich durch Datenschutz­­erklärungen zu quälen. Viele sind für Laien kaum verständlich, diesen Eindruck bestätigt auch eine aktuelle Untersuchung der Stiftung Warentest. Viele Apps haben sogar überhaupt keine Datenschutzerklärung – und halten sich damit erst einmal alles offen. Auch bei einem fehlenden Impressum: lieber Finger weg.

Nicht nur die Daten in Apps sind sensibel, auch die Apps selbst. "Hat eine Frau eine Kinderwunsch-App oder der Kollege ein Parkinson-Tagebuch auf dem Handy, kann das Folgen haben", sagt Dr. Ursula Kramer von Healthon, einer Informations- und Bewertungsplattform für Gesundheits-Apps. Ihr Tipp: Sperrbildschirm plus Passwort. Übrigens sollte man Gesundheitsdaten nicht nur gegen Mitleser sichern, sondern auch vor Verlust und sie stets an einem zweiten Ort speichern.

Und zu guter Letzt: Nicht vergessen, dass Werte die Wirklichkeit nur schlaglichtartig abbilden. Deshalb gilt auch weiterhin: auf den eigenen Körper hören, sich nicht sklavisch nach digitalen Ratschlägen richten. Da macht ein kleines Geständnis von Florian Schumacher Hoffnung: "Heute habe ich die empfohlene Schrittzahl nicht geschafft. Zu viel zu tun."

Die Selbstvermessung ist also wie so vieles im Leben Typsache. Einige leben damit tatsächlich gesünder. Sie bewegen sich mehr, bleiben ihren Ernährungszielen treu und vernetzen sich mit anderen. Mit etwas Glück wird Vorsorge durch digitale Geräte spielerischer und motivierender.



Bildnachweis: Getty Images/Guido Mieth, /@iamkoby/Twitter

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